Auf den Spuren der Paderborner Jüdinnen und Juden

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Der Nationalsozialismus war eine Episode der deutschen Geschichte, in der Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen getreten worden sind. Viele deutsche Bürgerinnen und Bürger, die in den Augen der Nationalsozialisten nicht dazugehörten und denen man ihr Hab und Gut wegnehmen wollte, wurden entrechtet, verfolgt und schließlich in vielen Fällen getötet. Diese Verbrechen fanden auch in Paderborn statt und ihre Spuren sind noch heute erkennbar. Zu einer Erkundung dieser Spuren jüdischen Lebens in Paderborn machte sich heute der Geschichts-Projektkurs der Q1 von Herrn Raths in Form eines Stadtrundgangs auf.

Die Leitung des Stadtrundgangs übernahm Frau Monika Schrader-Bewermeier, die Geschäftführerin der 'Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Paderborn' und Fachfrau für die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Paderborn. Der Rundgang begann am Mahnmal für die alte jüdische Synagoge am Platz 'An der alten Synagoge'. Dort sprach Frau Schrader-Bewermeier zunächst ein paar einleitende Worte zur Geschichte der Paderborner Jüdinnen und Juden in Mittelalter und Neuzeit, bevor sie den Schülerinnen und Schülern das Schicksal der am 10. November 1938 durch die Nationalsozialisten abgebrannten Synagoge darlegte. Das Gebäude wurde einen Tag nach der eigentlichen Reichspogromnacht angezündet, da man zunächst einige Stunden die angrenzenden Gebäude - unter anderem das Vinzenzkrankenhaus - durch die Feuerwehr nassspritzen ließ. Von einem spontanen Akt, von dem die Nationalsozialisten damals sprachen, kann also keine Rede sein.

Nach abschließenden Erklärungen zur Gestaltung des Mahnmals durch einen dänischen Künstler und der vor dem Bau des Mahnmales herrschenden Ablehnung des Gedenkortes durch die Anwohner suchte die Gruppe den Bahnhof 'Kasseler Tor' auf, von welchem mehrere Deportationen von Paderborner Jüdinnen und Juden ausgegangen waren. Diese gelangten zunächst in eine Sammelstelle nach Bielefeld und von dort in die Ghettos nach Osteuropa oder sofort in eines der Vernichtungslager. Die nächste Station der Stadtführung war dann das Grundstück, auf dem bis 1942 das jüdische Waisenhaus gestanden hatte. Diese Institution diente nicht nur der Aufnahme von Waisenkindern, sondern auch als jüdische Schule für Kinder, die keine Waisen waren. Nach der Zerstörung der Synagoge 1938 wurden im Waisenhaus aber auch die Gottesdienste der Jüdinnen und Juden Paderborns abgehalten, da das Gebäude ab dato als einziges in der Stadt über einen jüdischen Gebetsraum verfügte. 1942 musste die Leiterin das Gebäude an die Stadt Paderborn verkaufen und siedelte mit den restlichen 21 Kindern und dem Lehrer samt seiner Familie in ein Lager nach Ahlem bei Hannover über. Von dort gelangten die meisten in die Vernichtungslager nach Osten.

Anschließend führte Frau Schrader-Bewermeier die Schülerinnen und Schüler zu einem der fünf ehemaligen Ghettohäuser der Stadt, das Haus Grube 13-15. Dort mussten Jüdinnen und Juden wohnen, denen man die Wohnung weggenommen hatte. Später wurden sie von dort aus für die Deportation abgeholt. Daraufhin machte der Stadtrundgang am ehemaligen Gerichtsgefängnis der Stadt Station, ehe in der Innenstadt einige ehemalige jüdische Kaufhäuser wie Herzheim (das heutige Thalia) oder Ehape (die heutige Volksbankfiliale) gezeigt wurden. Ihren Abschluss fand die Stadtführung an dem Gebäude, in welchem heute das Cafe Bar Celona untergebracht ist. Dort stand bis zur Zeit des Nationalsozialismus das bedeutendste jüdische Kaufhaus Paderborns, das Kaufhaus Steinberg und Grünebaum.

Die Spuren der Verbrachen der Nationalsozialisten sind also auch in Paderborn noch lesbar. Zumindest die Schülerinnen und Schülerdes Projektkurses werden sich unter anderem wohl in Zukunft daran erinnern, in welchem Gebäude  sie sich befinden, wenn sie sich in der Bar Celona bewirten lassen.

Kommentare   

#1 TRychlik 2017-04-06 21:05
Bitte dreht das Bild!
Was für eine wichtige Erfahrung! Danke für diesen sehr gelungenen Artikel.

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